09.05.2007
Quellenangabe: ABZ 2/2007
Der Weg in die SOA-Landschaft
Wenn es um die künftige Ausrichtung unternehmensweiter IT-Landschaften geht, führen service-orientierte Architekturen (SOA) den öffentlichen Diskurs mit großem Abstand an. Die Experten sind sich einig, dass SOA die Kostensituation und die Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Geschäftsprozesse verbessern könnte. Auch für das Management und die Kommunikation von Produktinformationen könnte SOA zum Erfolgsmodell werden.

Software-Entwicklung orientiert sich heute am Weg der Industrie zu Beginn und der Dienstleistungsbranche am Ende des letzten Jahrhunderts. Das Schlagwort lautet Industrialisierung: Komplexe Zusammenhänge werden so oft zerschlagen, bis leicht beschreibbare Einzelteile, so genannte Commodities, übrig bleiben. Diese Einzelteile müssen in ihren Eigenschaften definierbar sein. Die Summe der Einzelteile kann wiederum zu einem marktfähigen Produkt konfektioniert werden.

SOA verfolgt exakt diesen Ansatz: Die drei Buchstaben bezeichnen eine Systemarchitektur, die verschiedene, eventuell inkompatible Methoden oder Applikationen als wieder verwendbare und offen zugängliche Dienste oder Web-Services anbietet. Dadurch ermöglicht sie eine plattformunabhängige Nutzung.


Aufwertung von Nischenkompetenzen

Hersteller, die mit ihrer Software heute das Erfassen, Verwalten und Verteilen von Produktinformationen ermöglichen wollen, müssen sich mit der Anbindung von bzw. Kompatibilität zu einer Vielzahl komplexer Software-Produkte befassen. Meist versuchen sie, sich mit umfassenden Komplettlösungen „out of the box“ vom Wettbewerb zu differenzieren. Dieses Verhalten könnte SOA nachhaltig verändern. Denn solche allumfassenden Produkte, die jedes Anforderungsszenario bedienen, sind mit SOA der falsche Ansatz. Gefragt sind vielmehr punktuelle Lösungen für gezielte Kundenanforderungen. Hersteller stünden damit nicht länger unter dem Druck, beispielsweise eine komplette Katalogsoftware im Portfolio zu führen. Sie könnten sich erfolgreich auf ihre Nischenkompetenzen konzentrieren.


Produktkommunikation unter SOA-Bedingungen
Vor allem aber für Anwender-Unternehmen würde die SOA-Welt vieles grundlegend verändern. Die heutigen Anforderungen an integrierte Produktkommunikation setzten voraus, dass Produktinformationen entlang ihres Lebenszyklus betrachtet werden – von der Produktdefinition bis zur Publikation von Informationen mit frei kombinierbaren Inhalten. Was aber haben Fertigungsdokumente mit Produktkatalogen zu tun? Und was hat der Entwicklungsingenieur mit dem Werbeleiter gemeinsam?

Auf den ersten Blick arbeiten beide mit unterschiedlichen Tools an getrennten Aufgaben und an verschiedenen Stellen im Unternehmen. Genau betrachtet nutzen sie jedoch die gleichen Informationsbausteine. Denn technische Merkmale von Produkten werden sowohl in der Entwicklung als auch im Marketing bearbeitet. Der eine nutzt dazu vielleicht eine PLM-Software (Product Lifecycle Management), der andere eine CRM-Lösung (Customer Relationship Management), Katalogtools oder Content-Management-Systeme. Mit den derzeitigen Software-Angeboten scheint es nur auf teuren Umwegen möglich, diese verschiedenen Enden der Informationskette zu verbinden, um Informationsbausteine kostensparend wiederverwenden zu können.
Anders sieht es aus, wenn man diese Konstellation auf SOA überträgt. Dort würden in diesem Fall zwei Services definiert, beispielsweise „Erfassung Produktentwicklung“ und „Template Produktflyer“. Dahinter verbergen sich zusammengefügte Prozesse aus vorgegebenen Bausteinen. Auf diese Weise wird der Sprung aus der PLM- in die CRM-Ecke (oder umgekehrt) möglich. Beide Fachabteilungen könnten somit nebeneinander arbeiten, ohne direkt miteinander verbunden zu sein. Diese Entflechtung der Komplexität spart der Software-Entwicklung und den Anwendern die viel beschworenen allumfassenden Lösungen, deren Schwächen vorprogrammiert sind.


Prozesslandkarten entwickeln
Bis dorthin ist es jedoch noch ein weiter Weg. Die großen Player haben inzwischen angefangen, die nötigen Prozesslandkarten  aufzubauen, welche die Services für eine funktionierende SOA definieren. Verständlicherweise beginnen sie mit ihren Kerngeschäften. Wenn etwa die SAP von bisher 100 Enterprise Services in ihrem Index spricht, werden dabei Prozesse des Product Information Managements nur am Rande tangiert.

Kleinere Softwarehäuser, die sich durch innovative Produkte nah am Kundenproblem empfehlen, haben dagegen einen Nachteil: Ihnen fehlt auf den Prozesslandkarten der Software-Riesen der Ort, an dem sie mit ihren Lösungen andocken könnten.

Eine Prozesslandkarte für den Bereich des Product Information Managements steht daher noch aus. Diese Lücke gilt es zu schließen, bevor von praktikablen Standards gesprochen werden kann. Solange der Markt eine nach wie vor wachsende Zahl Einzellösungen hervorbringt und sich dabei nicht um Bibliotheken mit Web-Services bemüht, welche sich untereinander suchen und ankoppeln, sind Fortschritte nicht in Sicht.


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