Mythos „Rechtssichere Dokumentation“

Segelboot auf dem Wasser

Ich höre immer wieder die Frage, wie man in einer technischen Dokumentation das Kapitel „Allgemeine Sicherheitshinweise“ gestalten müsse, damit man eine „rechtssichere Dokumentation“ erhält. Zum Glück werde ich selten direkt gefragt, denn immer, wenn ich eine solche Frage höre, kann ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Für mich hört es sich an wie das Flehen nach dem Zauberspruch, der alles Unheil bannt.

Es kann so etwas wie eine „rechtssichere Dokumentation“ nicht geben:

  • Die Dokumentation ist Teil des Produkts. Falls ein Produkt sicherheitstechnisch nicht dem Stand der Technik entspricht, kann die Dokumentation dies nicht kompensieren.
  • Das Kapitel „Allgemeine Sicherheitshinweise“ ist nur ein Teil der Dokumentation. Falls andere Teile der Dokumentation sicherheitsrelevante Fehler enthalten, kann das Kapitel „Allgemeine Sicherheitshinweise“ dies nicht kompensieren.
  • Ein Produkt kann „sicher“ sein (nach dem Stand der Technik). „Rechtssicherheit“ ist eine Illusion. Wer kann denn für jeden Richter oder jede Jury sprechen? Schon die uralte Juristenweisheit besagt: „Vor Gericht und auf hoher See sind wir allein in der Hand Gottes.“

Meines Erachtens darf man sich nicht der Illusion „Rechtssicherheit“ hingeben. Das Ziel muss sein, dem Kunden ein sicheres Produkt zu liefern. Dazu gehört eine Dokumentation, die die Anwender über alle Restgefahren informiert und zu einem sicheren Umgang mit dem Produkt anleitet.

Um dies zu erreichen, muss man mehr tun als ein paar „güldene“ Standardtextbausteine im Kapitel „Allgemeine Sicherheitshinweise“ einzufügen oder hier und da einige magische Warnhinweise einzustreuen. Die Realität besteht aus konzentrierter Arbeit und einer Portion Demut.

Konzentrierte Arbeit

Entwicklungsprozess

Die konzentrierte Arbeit fängt damit an, eine Risikobeurteilung im Entwicklungsprozess durchzuführen. Erst diese Risikobeurteilung ermöglicht es, ein nach dem Stand der Technik sicheres Produkt zu konstruieren. Durch dieses Vorgehen erreicht man zwei Dinge:

  • Man erhält ein sicheres Produkt (nach dem Stand der Technik).
  • Man hat im Prozess dokumentiert und nachgewiesen, dass das Produkt und der Umgang mit ihm nur tolerierbare Restgefahren aufweist.

Es ist keine Lösung, erst ein Produkt zu konstruieren und nachträglich ein paar Blätter Papier auszufüllen und als Risikobeurteilung zu deklarieren. Abgesehen davon, dass man eventuell ein unsicheres Produkt in Verkehr bringt, kann jeder Sachverständige nachvollziehen, ob eine Risikobeurteilung tatsächlich korrekt durchgeführt oder nur simuliert wurde.

Wenn man nach der Konstruktion des Produkts eine Risikobeurteilung durchführt und diese Sicherheitsdefizite offenbart, muss das Produkt umkonstruiert werden. Das ist teurer, als es gleich richtig zu machen.

Produktionsprozess

Es wurde schon sehr viel in Produktionsprozesse investiert, um ein stabiles Qualitätsniveau der Produkte sicherzustellen. Denn nicht oder nur eingeschränkt funktionstüchtige Produkte könnten Unfälle auslösen oder begünstigen. Sie wären ein Sicherheitsrisiko.

Dokumentationsprozess

Die tolerierbaren Restgefahren, die in der Risikobeurteilung identifiziert wurden, müssen in die Dokumentation aufgenommen werden. Sie bilden den Kern des Kapitels „Allgemeine Sicherheitshinweise“. Blind irgendwelche Standardkapitel als „Allgemeine Sicherheitshinweise“ zu übernehmen, hilft niemandem. Gegebenenfalls warnt man vor nicht vorhandenen Risiken oder es fehlen tatsächlich vorhandene.

Die Restgefahren ins Kapitel „Allgemeine Sicherheitshinweise“ zu packen, ist nicht genug. Sie müssen bei jeder Handlungsanleitung berücksichtigt werden. Dies geschieht durch das Beschreiben einer sicheren Vorgehensweise und – falls erforderlich – über das Platzieren von Warnhinweisen. Eine gute Risikobeurteilung gibt den Redakteuren eine Richtschnur, wo und wie gewarnt werden muss.

Die größten Risiken der Technischen Dokumentation liegen meiner Meinung nach nicht darin, dass man einzelne Restgefahren übersieht, sondern darin, dass man fehlerhaft anleitet. Eine schlechte Dokumentation kann selbst zum Sicherheitsrisiko werden. Um dies zu verhindern, muss eine Dokumentation

  • vollständig sein,
  • fachlich korrekt sein,
  • für die Anwender verständlich sein
  • und die Anwender zum sicheren Vorgehen anleiten.

Hört sich einfach an – bedeutet aber, dass

  • sich die Redakteure mit dem Gerät und den Anwendern (Zielgruppen) tatsächlich beschäftigen,
  • die Redakteure nur beschreiben, was sie tatsächlich verstehen,
  • die Dokumentation lektoriert wird, um sprachliche oder strukturelle Mängel zu verhindern,
  • die Fachabteilungen die Dokumentation prüfen, um fachliche Mängel zu verhindern,
  • idealerweise die Dokumentation am Produkt validiert wird,
  • und die Übersetzungen geprüft werden.

Wenn man diese Prozessschritte durchführt und dokumentiert (z. B. die Korrekturanweisungen der Fachabteilung aufbewahrt), schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Man hat einen stabilen Prozess, der reproduzierbare Qualität produziert, und man zeigt, dass man nicht fahrlässig vorgeht.

Produktbeobachtung

Die Auslieferung des Produktes ist nicht der Abschluss, sondern der Beginn eines neuen Abschnitts im Produktlebenszyklus. Der Hersteller ist verpflichtet, alle Meldungen zu Unfällen mit seinem Produkt zu beachten.

Fehler am Produkt oder in der Dokumentation sind ärgerlich – aber meist nicht problematisch. Problematisch ist es, wenn der Hersteller auf bekannte Mängel nicht reagiert.

Eine Portion Demut

Sicherheit von Menschen hat die höchste Priorität. Dies muss man verstehen und akzeptieren. Das heute erreichte Sicherheitsniveau entstand dadurch, dass die Ursachen von Unfällen analysiert wurden. Basierend auf diesen Erkenntnissen wurden der Stand der Technik und die Vorschriften angepasst.

Wenn schwere Unfälle ausgewertet werden, zählt „Das haben wir schon immer so gemacht!“ nichts. Für den neuen Stand der Technik zählt nur, was man mit vertretbarem Aufwand tun kann, um eine Wiederholung des Unfalls zu verhindern. Deshalb gibt es beim Thema „Sicherheit“ kein Ausruhen, kein Zurücklehnen und kein Sich-auf-das-Bewährte-verlassen.

Sich bewusst sein, dass

  • Menschen irren,
  • nichts perfekt ist,
  • man nicht alles im Griff hat, weil man nicht alle Möglichkeiten kennt,
  • die Zukunft Überraschungen und Änderungen bringt,

das verstehe ich unter Demut.

Es geht darum, Unfälle zu verhindern. Erst danach geht es darum, der Haftung bei einem Unfall zu entgehen. Wenn man das Mögliche getan hat, um Unfälle zu verhindern, und dies dokumentiert, wird auch im Falle eines Unfalls die Haftung nach menschlichem Ermessen kein Problem sein (man beachte „Vor Gericht und auf hoher See …“).

Bildquellen

  • Segelboot auf Meer Ozean: Fotolia_Michael Flippo

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